Schülertexte zur Abschlussfahrt
24.10.07: Exkursion mit Führung im Konzentrationslager Auschwitz I + II.
Dieser Teil der Studienfahrt war der unausgesprochene Höhepunkt der Fahrt, wenngleich der Besichtigungsort eher die Bezeichnung „Tiefpunkt“ verdient hätte. Höhepunkt insofern, da dieser Teil der Studienfahrt ausführlich im Unterricht der Fächer Geschichte, EWG, Deutsch und Religion vorbereitet worden ist und die dadurch entstandene Spannung bei den Schülerinnen und Schülern sogar zu eigenen Recherchen führte. Darüber hinaus haben mehrere Schülerinnen und Schüler diesbezügliche Themen für ihre Fächerübergreifende Kompetenzprüfung gewählt (Diktatur und Demokratie im NS; Das KZ Auschwitz; Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten).
Es fällt schwer, über die Besichtigung des KZ Auschwitz einen „Erfahrungs“bericht anzufertigen, da die Erfahrungen, die alle Teilnehmer, Schüler und Lehrer, gemacht haben, zuallererst tiefe emotionale Erfahrungen sind, die sehr individuell und intim sind und eigentlich kaum in Worte ausgedrückt werden können.
Allen war eine Beklommenheit und tiefe Betroffenheit gemeinsam, die sich vom ersten Schritt durch das Lagertor in Auschwitz I mit seiner zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“ bis zum letzten über die Selektionsrampe wieder hinaus in Auschwitz-Birkenau hinzog.
Unsere deutschsprachige Führerin verstand es sowohl, die Ungeheuerlichkeit des KZ Auschwitz in der Gesamtschau mitsamt dem dahinter stehenden Rassenwahn den Schülerinnen und Schülern nahe zu bringen, als auch auf Details und Besonderheiten aufmerksam zu machen wie
Beispielsweise auf die Einzelschicksale, die sich hinter den Bergen von Koffern, Frauenhaar, Brillen, Prothesen ... verbargen, die zum Abtransport ins Dt. Reich bereit standen. Oder auf die Qualen der Menschen, die nach der Zwangsarbeit in den Gefängnisblock mussten um die Nacht stehend zu verbringen. Die Betroffenheit bei den Schülerinnen und Schülern war sowohl in den Tränen als auch in der absoluten Stille zu erahnen.
Genauso betroffen machten auch alle anderen Blocks, die besichtigt wurden, insbesondere die „Dusche“ und das Krematorium 1. Über beide sprachen die Schülerinnen und Schüler bei der abendlichen Nachbesprechung! Bei einzelnen Blocks blieben einzelne Schülerinnen draußen, da sie sich erst wieder sammeln mussten, da das Gehörte und Gesehene zu schrecklich war und eine tiefe Betroffenheit auslöste.
Unfassbar war für die Schülerinnen und Schüler auch das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die katastrophalen Zustände in den Schlaf- und Sanitärbaracken bestürzte sie.
Wie konnte man das anderen Menschen antun? Wie konnte man das aushalten, überleben? Nur vereinzelt fanden die Schülerinnen und Schüler zu diesem Zeitpunkt leise Fragen zu dem Besichtigungsort.
Genauso tief hat sich aber das Bild mit dem Lagertor, der Selektionsrampe, den Gleisen und dem gesprengten Krematorium bei allen eingeprägt. Diese Bilder werden von den Schülerinnen und Schülern nicht mehr vergessen, auch wenn sie zum Zeitpunkt der Besichtigung vor lauter Betroffenheit kaum darüber reden konnten.
Überraschender Weise entwickelte sich ein längeres Gespräch zwischen uns Lehrern und Schülern, als wir vor den eher unbedeutenden und unvollendeten Tanks der Kläranlage für die begonnene Erweiterung des Vernichtungslagers standen. Wozu benötigten die Nazi diese Tanks? Warum sind sie so groß? Wie groß sollte denn die Erweiterung werden? Wozu brauchten die Nazis diese geplante gigantische Erweiterung überhaupt? Für welche Menschen und Völker war dieser neue Schreckensort bestimmt? Aus solchen Fragen entwickelte sich ein längeres Gespräch, in dem die Schüler u.a. auch das bisher Gesehene aufarbeiteten.
Das Gehörte und Gesehene über/von dieser Stätte des Terrors und Vernichtung machte die Schülerinnen und Schüler tief betroffen und verunsichert. Die vielen gehörten Zahlen und Daten über Täter, Insassen, Tote, technische Details ... machten staunend, ängstlich, unsicher und sprengte die Vorstellungskraft der Schülerinnen und Schüler. „Ich weiß gar nicht was ich sagen oder fühlen soll, ich bin fassungslos und sprachlos“ war eine beispielhafte Aussage eines Mädchens, nachdem sie wieder im Bus saß.
Nach der offiziellen Führung bekamen die Schülerinnen und Schüler 30 min Zeit, um sich ihrer Gefühle etwas klarer zu werden, um auf diese genauer zu hören und sie „hoch kommen“ zu lassen. Dazu bekamen sie die Aufgabe ein „Elfchen“ oder einen Dialog (oder eine eigene literarische Form) zu schreiben. Das Elfchen bietet sich wegen seiner einfachen Form dafür gut an, da es nicht von den Gefühlen hin zu großen Schreibaktivitäten ablenkt! Diese Sammlung stellte sich als äußerst wichtig für die Schülerinnen und Schüler heraus.
In der Nachbesprechung am Abend kamen diese Elfchen/Dialoge als Erstes zur Sprache. Durch sie war ein Gesprächsanlass gegeben, der das Schweigen durchbrach. Wir Lehrer waren überrascht, wie bereitwillig (fast) jeder Schüler sein Elfchen vortrug und danach den Ort und die Umstände, wie er dazu kam, schilderte. Diesen Ort schrieb er nun unter sein Elfchen. Auf diese Weise wurde fast die gesamte Führung noch einmal thematisiert. Man konnte erspüren, dass weniger die gehörten Zahlen und Fakten, sondern die unmittelbare räumliche Nähe und das „Erleben“ durch Begehen der Stätte dauerhafte Eindrücke hinterlassen haben. Diese, so sind sich die Lehrer sicher, wird keiner der Schüler vergessen und wird sich nachhaltig auf ihr Leben auswirken.
Sehr wahrscheinlich ist auch, dass die Schülerinnen und Schüler nicht mehr leichtfertig über den Holocaust reden oder gegenwärtige antisemitische oder ausländerfeindliche Witze und Parolen gut heißen werden.
Die Studienfahrt und insbesondere der Besuch des KZ Auschwitz hat viel dazu beigetragen, dass das, was Altbundespräsident Richard v. Weiszäcker in seiner Denkschrift zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges so treffend formuliert hat, bei diesen jungen Menschen nicht eintritt:
„Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren“.
Zu erwähnen ist noch, dass die handlungsorientierte Besichtigung der Remuh-Synagoge und des jüdischen Friedhofes sowie des gesamten jüdischen Viertels in Krakau diese Erfahrungen bei den Schülerinnen und Schülern noch verstärkt haben!